Update - Umbruch im deutschen Buchhandel - Thalia und die Mayersche Buchhandlung schliessen sich zusammen

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Quelle: pixabay.comAbbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)


Hagen / Aachen, 10.1.2019 - Da staunte die Branche nicht schlecht - kein Wörtchen drang vorab von den Gesprächen an die Öffentlichkeit. So ist die geplante Fusion zwischen Deutschlands filialstärkstem Buchhändler Thalia und dem Branchenvierten, der Mayerschen Buchhandlung mit Sitz in Aachen eine dicke Überraschung. 

Wieder einmal wird ganz gross gedacht - 355 Filialen stellen die beiden Unternehmen zusammen auf die Beine. Klar - der Marktdruck hat nicht zuletzt durch Amazons Erfolge sehr stark zugenommen und Thalia dürfte gegenüber der Mayerschen deutlich mehr E-Commerce-Erfahrung mitbringen. Die Mayersche konnte dagegen durch einen Spielwarenableger im Non-Book-Bereich know-how sammeln, wie Peter Steinkirchner in seinem Beitrag für die Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche schreibt. 

Kritisch wird sich künftig aber die Lage für die verbliebenen selbständigen Buchhandlungen gestalten: neben schlechteren Einkaufskonditionen werden diese sich künftig mit mehr oder minder freundlichen Offerten des neuen Buchhandelsriesen konfrontiert sehen. 

Peter Steinkirchner dazu am 10.1.2019 in seinem Beitrag „Umkämpfter Buchmarkt: Fusion von Thalia und Mayersche wird den Druck im Buchhandel weiter erhöhen":

Natürlich gibt es Fälle, in denen ein Besitzer keinen Nachfolger findet und Orte, die ohne Buchladen dastünden, wenn nicht eine der Buchketten auf den Plan treten und das Geschäft weiterführen würde. Diese Situationen gibt es. Doch auch die Zahl derjenigen Buchhändler, bei denen nun mehr oder minder freundliche Angebote oder Nachfragen einlaufen, ob man nicht einmal über eine gedeihliche Zusammenarbeit reden könne, wird steigen.“

Klar - der Kuchen im Buchhandel dürfte auch in den kommenden Jahren nicht grösser werden (Lesebegeisterung wie Kundenfrequenz in den Innenstädten nehmen kontinuierlich ab) - und der Anteil des E-Commerce weiter steigen. 

Amazon ist bereits jetzt mit einem Buchumsatz von 1,3 Milliarden Euro Deutschlands grösster Buchhändler. Zudem schlafen ja auch die anderen grossen Wettbewerber nicht - Weltbild aus Augsburg (425 Millionen Euro Umsatz), Hugendubel aus München (340 Millionen Euro Umsatz) und Osiander aus Tübingen (geschätzter Umsatz rund 85-90 Millionen Euro). Dazu in Süddeutschland noch Rupprecht (Sitz in Vohenstrauss, geschätzter Umsatz rund 40-45 Millionen Euro). 

Allerdings konnte die E-Book-Reader-Allianz „Tolino", in deren Rahmen sich die grossen Buchhandelsketten bereits seit Jahren gegen Amazon verbündet haben, im Bereich E-Books gut gegen Amazon bestehen - und die Vormachtstellung des Kindle in Deutschland so bislang verhindern.

Die neue Allianz zwischen Thalia (950 Millionen Euro Umsatz) und der Mayerschen soll nach Worten der beiden Geschäftsführer bzw. Inhaber Hartmut Falter (Aachen) und Michael Busch (Hagen) offen für weitere Partner sein - vielleicht erleben wir da in den nächsten Monaten und Jahren noch einige Überraschungen.

Georg Giersberg in seinem Artikel für die FAZ-online vom 10.1.2019 „Fusion im Buchhandel: Thalia übernimmt Mayersche“:

Der bisherige geschäftsführende Gesellschafter der Mayerschen, Hartmut Falter, bringt sein Unternehmen in Thalia ein und erhält dagegen Anteile an der größeren Kette, Thalia. Er wird zudem zweiter geschäftsführender Gesellschafter bei Thalia. Die Filialkette, vormals ein Teil des Douglas-Konzerns, gehört heute mehrheitlich der Freiburger Verlegerfamilie Herder. Weitere Anteilseigner sind der frühere Douglas-Eigentümer Kreke, der Geschäftsführer Michael Busch und die Familie Göritz.“

Schwierig wird die Situation für die mittelständischen Verlage - hier wird die nochmals erstarkte Nachfragemacht des neuen Zusammenschlusses weiteren Druck auf die Margen ausüben.

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Freiburg / Hagen, 1.8.2016 - Ein klein wenig muss man sich schon die Augen reiben ob der Nachricht: der Freiburger Herder-Verlag steigt bei Thalia ein. 

Moment, das lief vor zwanzig Jahren doch auch schon mal anders herum. 

Richtig, damals verkaufte die Verlegerfamilie Herder ihre Buchhandlungen an die Familie Kreke, welche diese in die Thalia-Filialkette integrierte. Lediglich die Carolus-Buchhandlung in Frankfurt am Main, damals noch in günstiger Lage am Liebfrauenberg, blieb im Besitz von Herder. 

Und nun?

Thalia ist auf dem deutschen Buchmarkt der zweitgrösste Spieler nach Amazon und mit seinen mehr als 280 Buchhandlungen und einem geschätzten Bruttoumsatz von 960 Millionen Euro (lt. Buchreport online, 11.7.2016) in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugleich auch Marktführer im Sortimentsbuchhandel des deutschsprachigen Raums. 

Verrückte Welt? Mag sein. Aber die vergangenen Jahre bei Thalia verliefen auch sehr schwankend und hie und da bewegten sich die Kunden in einer Filialwelt, die neben Lego-Figuren, Prinzessin Lillifee-Schlössern, einem breiten Schreibwarensortiment, diversen Notizbuchserien, Saisonartikeln, CDs und DVDs auch ein paar Bücher bereithielt - ins Auge fielen v.a. stapelweise Bestseller. 

Und jetzt soll alles anders werden - weg vom Kleinkaufhaus? 

Schon 2012 trennten sich die Eigentümer der damaligen Douglas Holding von ihrer Mehrheitsbeteiligung und damit auch von Thalia - diese ging an den Investor Advent International. 

Advent zerlegte und verkaufte daraufhin nach bewährter Investorenart die meisten Sparten der ehemaligen Douglas-Holding - nur für Thalia liess sich kein Käufer finden, auch nicht nach mehreren Anläufen. Also entschloss man sich zur Restrukturierung der Filialkette. 

Laut Ranjan Sen, Managing Partner der Advent International, 

„steht ‚Thalia heute, nach erfolgreicher Neuausrichtung, wieder auf wirtschaftlich gesunden Füßen und wächst aus eigener Kraft.‘ Mit den neuen Eigentümern übernehmen nun strategische Partner das Steuer, ‚die neue Impulse setzen können und damit die Marktposition von Thalia weiter stärken werden‘ “ (zitiert nach Buchreport online, 11.7.2016). 

Damit setzt sich der neue Eigentümerkreis (Konsortium) zusammen aus der Verlegerfamilie Herder, der Unternehmerfamilie Kreke als bisherigen massgeblichen Minderheitsgesellschaftern, Leif Göritz (Digitalunternehmer, ebenfalls bereits an Thalia beteiligt) sowie dem Thalia-Vorstandsvorsitzenden Michael Busch als geschäftsführenden Gesellschafter - vorbehaltlich der Zustimmung durch das Bundeskartellamt. 

Verleger Manuel Herder - er führt das Unternehmen seit 1999 in der sechsten Generation - äussert sich lt. Buchreport zum Kauf von Thalia, 

„dass es (Thalia, MB) Trends und Veränderungen im Buchhandel früh erkennen und erfolgreich gestalten kann. Zugleich steht das Unternehmen wie kaum ein anderes für den Erhalt der innerstädtischen Lesekultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die intensiven Gespräche der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass wir mit der Familie Kreke und dem Managementteam um Michael Busch die gleichen Werte und langfristige Vision für Thalia teilen.“

Mag sein, aber Herder hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark mit Entwicklung und Beteiligungen rund um digitale und audiovisuelle Themen und mobilen Inhalten beschäftigt. 

Leif Göritz und Herder kennen sich bereits aus anderen gemeinsamen Projekten. 

Nach Karriere beim German Centre Bejing und der Boston Consulting Group ist er seit 2013 als Unternehmer und Förderer (Inkubator) digitaler Start-Ups tätig. Parallel dazu wurde er als Beirat in die Geschäftsführung der Herder GmbH berufen. 

Seit vergangenem Jahr leitet er als Geschäftsführer die Smart Mobile Factory GmbH - 2014 von ihm und der Familie Herder gemeinsam übernommen. 

Sind das alles Hinweise auf eine Rückkehr des innerstädtischen Buchhandels? Doch wohl eher auf eine verstärkte Digitalisierung von Leseinhalten. Und was ist mit der Filialgrösse? Kunden möchten inzwischen die Wahl haben zwischen wirklich grossen Buch-/Medienkaufhäusern und übersichtlichen Buchhandlungen, in denen sie sich orientieren können. Und Thalia - liegt ziemlich genau in der Mitte. Es bleibt also spannend im deutschen Buchhandel.

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