Lozuka.Connect - Symposium diskutiert spannende Entwicklungen im Local Commerce


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Siegen, 17.1.2019 - Zwei Tage lang diskutierten Experten und Teilnehmer in Siegen auf der Konferenz „Lozuka.Connect“ (fast) sämtliche Aspekte des aktuellen Themas „Local Commerce“.

Local Commerce? Der Eintrag in Gablers Wirtschaftslexikon definiert es so:

wörtlich: Lokaler Handel, bezeichnet den Ansatz, lokale Einzelhändler konkurrenzfähig zum Online-Handel zu machen, indem diese neben ihrem physischen Vor-Ort-Handel zusätzlich E-Commerce betreiben. Oftmals wird dieses Bestreben unterstützt durch sog. Lokale Shopping-Plattformen, die ihre Zielgruppe auf Kunden aus der örtlichen Umgebung beschränkt, um Dienste wie Click-and-Collect oder Same-Day-Delivery anbieten zu können."

Sie sehen, ein brandheisses Thema, denn viel Zeit bleibt dem stationären klein- und mittelständischen Handel mutmasslich nicht mehr, um seine Umsatzsituation zu stabilisieren, die Erträge wieder zu steigern und sich so mittel- und langfristig gegen E-Commerce-Giganten wie Amazon, eBay oder Zalando zu behaupten. 

Selbst die gerade fusionierenden Kaufhausketten Karstadt und Kaufhof haben sehr lange gebraucht, um entsprechende Initiativen auf den Weg zu bringen und erfolgreich zu betreiben - und hier reden wir von etwas grösseren Ressourcen, als sie dem kleinteiligen Einzelhandel durchschnittlich zur Verfügung stehen.

Ein gutes Dutzend Experten aus Handelspraxis und -forschung gab also sehr unterschiedliche Einblicke in das Phänomen „Local Commerce“ - in der Kürze seien einige exemplarisch herausgegriffen.

Marco Butz, Hausherr der Veranstaltung und bei der IHK Siegen neben der Öffentlichkeitsarbeit auch zuständig für sämtliche Themen rund um den Einzelhandel, ging in seinem Referat sowohl auf die wirtschaftliche Bedeutung des Einzelhandels als auch die weitere Expansion des E-Commerce ein. Für ihn war nach den ersten beiden Jahren mit Lozuka in Siegen klar - nur die Verbindung von stationärem Handel mit einer Online-Komponente bringt’s - folglich der regionale Online-Marktplatz als Idealvorstellung? 

Ableiten lassen sich diese und ähnliche Schlussfolgerungen aus dem von der IHK Siegen durchgeführten Studie „Zentrumsmonitor 2018 für die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe“ - denn das Internet habe mit Abstand „die höchste Zentralität“.

Jörg Hamel, Geschäftsführer Handelsverband NRW, weitete den Blick auf die ganz besondere Bedeutung des kleinteiligen Einzelhandels für die Attraktivität der Innenstädte - denn Gastronomie allein könne ja wohl auch nicht für eine optimale Aufenthaltsqualität in den Städten sorgen. Er verwies auf die Analyse „Vitale Innenstädte“ des IFH Köln, die grosso modo für die Region NRW ganz ordentliche Werte gemessen habe. Und auch die fachliche Qualifikation der Einzelhändler dürfte durch die Verfügbarkeit der ersten Absolventen des neuen IHK-Ausbildungsgangs „Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce“ im Jahre 2021 eine deutliche Aufwertung erfahren. Allerdings seien in NRW erst zwei Berufsschulstandorte in der Ausbildung aktiv.

Sorgen bereitete ihm das Weihnachtsgeschäft der stationären Einzelhändler seines Betreuungsgebiets: bestenfalls gleichbleibend gegenüber dem Vorjahr, häufig jedoch schlechter als 2017. Im E-Commerce hingegen gebe es weiter Zuwächse, zunehmend auch in Branchensegmenten, die bislang noch sehr stark vom Präsenzkauf profitierten wie Baustoffe oder „weisse Ware“ (Haushaltsgrossgeräte). Hamel sprach jedoch auch die Sorgen von Händlern an, die sich auf grossen Handelsplattformen wie Amazon engagierten: „Market Place“-Händler seien häufig unzufrieden mit der Betreuung durch Amazon, fühlten sich bei „Renner“-Produkten vom Online-Giganten ausgebootet (indem dieser solche Produkte binnen kurzer Frist selbst anbiete), hätten rechtliche Probleme mit dem weltweiten Verkauf ihrer Produkte und realisierten nicht selten morgens gesperrte Händlerkonten, weil Amazon diese unter mehr oder minder fadenscheinigen Argumenten geblockt habe. Der Slogan Jeff Bezos’, CEO des weltweit führenden Online-Händlers aus Seattle, - „It’s Aways Day 1 at Amazon“ bekomme so eine ganz neue Bedeutung.

Aber auch allgemeine statistische Einsichten, wie Rückgang des Einzelhandelskonsums an den Gesamtausgaben der Verbraucher oder der dramatische Rückgang der Kundenfrequenzen in den Innenstädten (inzwischen auch in Grossstädten) machen dem deutschen Einzelhandel sehr zu schaffen - so ginge die sog. „Naturfrequenz“ auch in Oberzentren wie Köln zurück.

Dieser Entwicklung versuche auch der Handelsverband NRW Konkretes entgegenzusetzen: Sei es ein Wettbewerb in Köln - wie „Die Besten 2018“, bei dem die Verbraucher über ihre favorisierten Handwerker, Händler und Gastronomen abstimmen können, seien es strukturierte Interviews bei klassischen Händlern, durchgeführt von Studenten mit dem Ziel, Verbesserungspotentiale aufzuzeigen. Oder professionelle Digital Coaches vom Handelsverband NRW, welche die Beratung der Händler gewährleisten sollen.

Patrick Schulte und Thimo Eckel, die beiden Geschäftsführer der Lozuka GmbH in Siegen und Gastgeber von #lozukaconnect - referierten die Erfolgsgeschichte des Marktplatzes in Siegen, der am 3. September 2016 online ging und inzwischen rund 30 Händler organisiert. Im Laufe des Jahres 2019 soll die GmbH gesellschaftsrechtlich in eine Genossenschaft umgewandelt werden - diese Entwicklung gilt auch für die regionalen Betreibergesellschaften wie die aktuell in den Startlöchern sitzende Lozuka@FrankfurtRheinMain oder deren Pendants im Isartal oder Emmendingen im Hinterland Freiburgs (die inzwischen unter www.onloka.de firmiert - MB). Händler könnten so von Mitgliedern zu Teilhabern werden, Kunden von Fans zu Unterstützern. Das gleiche gelte für Industriepartner oder öffentliche bzw. karitative Einrichtungen. 

Dabei räumte Schulte auch freimütig noch bestehende Schwachstellen des Handelskonzepts Lozuka (Lokal zuhause Kaufen) ein: So verstünden Kunden häufig noch nicht die Marktplatz- bzw. Kauf-Funktion von Lozuka und nähmen es so eher als Marketing- oder Werbe-Instrument wahr. Immerhin umfasse die zu beliefernde Region im Umkreis von 20 km um den Siegener Firmensitz rund 150.000 Einwohner - dazu kommen noch zwei weitere Regionen - Lozuka Emsaue und Lozuka Arnsberg. Perspektivisch ist für das laufende Jahr 2019 die Aufschaltung weiterer rund 20 Regionen geplant.

Das sollte nicht zuletzt kleinere Einzelhändler ansprechen, denn diese sind künftig mit einem Starterpreis von 49,90 Euro inkl. 250,- Euro-Bonumsatz bei Lozuka dabei. Da sieht die Händlerprovision beim Amazon-Marketplace mit 15-45 Prozent und einem Accountpreis von zusätzlich 29,- Euro pro Monat zzgl. Versandkosten bis 4,90 Euro pro Sendung auf einmal gar nicht mehr so günstig aus - und das unerlässliche Marketing kommt noch obendrauf!

Spannende Einblicke kamen jedoch auch von vier Siegener Händler/innen ins Spiel, die bei einer Podiumsdiskussion ihre ersten Erfahrungen mit Lozuka Siegen mit den Fragestellern im Publikum teilten. So stand für alle das problemlose Handling der Käufe, die Auslieferung an die Kunden sowie das bequeme Fullfillment im Vordergrund. Und die Marketingwirkung des Marktplatzes sei ebenfalls sehr relevant, so Manuela Fuchs vom Stoff- und Kurzwarengeschäft „Farbenrausch“ in der Siegener Oberstadt und „klassische Werbung verursacht eine Unmenge mehr Kosten“, so die engagierte Händlerin.

Spannend gerade für künftige Betreibergesellschaften waren Details wie manuelle Artikelaufnahme ins System, APIs zu den unterschiedlichsten Warenwirtschaften oder ERP-Systemen, das unbare Payment mit unterschiedlichen Karten, Präsenz bei Lozuka für Markthändler, die Zahl der Website-Besucher (bis zu 500) und Clicks pro Tag, Konversionsraten usw.

Mit interessanten Einblicken in ihren typischen Tagesablauf trugen auch Paula Böhmer, die gute Fee des Lozuka-Systems und Melanie Krämer, eine der Lozuka-Botinnen zur Abrundung der Veranstaltung bei; ergänzt durch eine Podiumsdiskussion mit engagierten Lozuka-Kundinnen und Kunden und deren durchweg positiven Erfahrungen mit Lozuka Siegen.

Andreas Haderlein, Mitinitiator der Online City Wuppertal (OCW), konnte auf seine umfangreichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Etablierung des ersten bundesdeutschen Online-Marktplatzes verweisen. Dabei legte er sein Hauptaugenmerk auf die Rolle der lokalen Online-Marktplätze für die Wertschöpfung und damit auf das Steueraufkommen und die Entscheidungsspielräume einer Kommune. Aber er fand auch kritische Worte für die Einzelhändler: „Vor der moralischen Entrüstung sollte technische Exzellenz im Handel stehen“, so der ehemalige Mitarbeiter des Zukunftsinstituts Kelkheim. Und viel Potential liege beim „Umparken in den Köpfen“ der Händler - Change Management und dessen professionelle Begleitung. Steigerung der „digitalen Aufenthaltsqualität“ bei den Angeboten der Händler sei das Ziel. Eine spannende und stets aktuelle Übersicht zum Thema „Local Commerce“ finden Sie auf Haderleins Webseite.

Dr. Andreas Hesse, Professor an der Hochschule Koblenz, referierte zu „Erfolgsfaktoren lokaler Online-Marktplätze“ und wollte damit auch den einhelligen Verriss der „Internet-Händler von nebenan“, den seine mit Bachelorstudenten durchgeführte Studie u.a. im Harvard Business Manager oder der Wirtschaftswoche Anfang des Jahres 2018 aufzeigte, etwas kanalisieren. Demnach führte er besagte Studie 2017 unter 150 Händlern mittels begleitender Interviews durch, um deren „Digitale Reife“ zu evaluieren. Angeschrieben wurden jedoch insgesamt 5.000 Nutzer von Local Commerce-Angeboten; davon haben 208 an der Studie teilgenommen. Im November folgte dann ein „Follow Up“ mit verändertem Studiendesign: es wurden 24 Inhaltsanalysen von Online-Marktplätzen vorgenommen, die im Gegensatz zur ersten Untersuchung ein deutlich differenzierteres Bild ergaben. So wurde z.B. analysiert, welche Zielsetzungen Händler haben, die am Local Commerce teilnehmen. Hier sind u.a. steigende Frequenz im stationären Geschäft oder ein Abbremsen des Kundenfrequenzrückgangs zu nennen. Auch die Steigerung des Bekanntheitsgrads oder eine Imageverbesserung war Händlern wichtig - in der Spitze erwarteten Händler jedoch höhere Verkaufszahlen.

Auf Kundenebene solle sowohl ein „erlebbarer relevanter Mehrwert“ stehen, ein grossartiges Einkaufserlebnis im Laden, eine Nutzung der On- und Offline-Medien und nicht zuletzt - das Durchbrechen der inzwischen notorischen Produktsuche bei Amazon oder Google.

Etwas weiter in die Zukunft des Retails blickte Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves von der Universität Siegen. Er beschäftigte sich mit „Fragen an die Digitale Zukunft“ und fragte in seinem kurzweiligen Referat „Smart City - Quo Vadis?“ Auch bei ihm waren die Zukunft städtischer Wertschöpfung und die Innenstadtattraktivität ganz vorne bei den zu lösenden Problemen dabei. Dabei dürfte er so manchen City Manager oder Wirtschaftsförderer geschockt haben, denn Massnahmen wie z.B. freies WLAN in der Innenstadt seien zwar schöne Gimmicks, die Daten flössen jedoch in Richtung Telekom-Anbieter und die Konversionsrate derartiger Massnahmen seien für Handel und Gastronomie zu vernachlässigen. Er sprach sogar wörtlich von „Schwachsinnsangeboten“. Ähnlich am Ziel der höheren Kundenfrequenz und Konversionsrate vorbeigedacht hielt er "Shop Design", das v.a. #instagrammable sei - schön, um fotografiert und auf den eigenen Blog gestellt zu werden - von Kaufen muss indes keine Rede sein. Im Hinblick auf Lozuka forderte er noch mehr Anstrengungen, um Käufer und Nichtkäufer zu identifizieren und voneinander abzugrenzen und v.a. Überlegungen zur künftigen Motivation der Nichtkäufer.

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