RetailWatch - Aktuell


Der nächste bitte: Wie die DIY-Branche den Sprung ins Netz verpennt

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Quelle: pixabay.com - Abbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)


Frankfurt am Main, 13.1.2019 - Kommt es Branchenbeobachtern nur so vor oder sind die Parkplätze vor den heimischen Baumärkten wirklich nicht mehr so stark frequentiert wie einst?

Das Fachmagazin „baumarktmanager“ nimmt die Problematik in seiner Online-Ausgabe vom 27.1.2018 genauer unter die Lupe. Demnach täuscht der subjektive Eindruck nicht. Der Kollege schreibt die stagnierenden Umsätze primär der mangelhaften Logistik der Baumärkte zu:

„Gleich ob Heimwerkerartikel zuverlässig im Markt verfügbar sein ­sollen oder dem Kunden bequem frei Haus geliefert werden: ­Ohne leistungsfähige, fein aufeinander abgestimmte Lieferprozesse ist zeitgemäßer Service im stationären Handel kaum denkbar, erst recht nicht im florierenden Onlinegeschäft.

Die Problemlage im etablierten Baumarkthandel ist bekannt: Einerseits stagnieren die Umsätze in den Märkten, auf der anderen Seite kann die Branche noch zu wenig vom Onlineboom profitieren. Insgesamt stiegen im vorigen Jahr die E-Commerce-Umsätze im DIY-Handel um 14,9 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Gut die Hälfte des Kuchens sicherten sich aber nicht die etablierten Baumarktketten, sondern reine Online-Händler. Der Anteil der Bau- und Heimwerkermärkte lag gerade einmal bei 18,7 Prozent.“

Und - fast schon überflüssig zu erwähnen - auch in diesem Handelssegment haben sich unsere amerikanischen Freunde aus Seattle längst schon ein grosses Stück vom Kuchen abgeschnitten. Amazon hält nach einer im „baumarktmanager“ zitierten aktuellen Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts IFH bereits heute 39 Prozent am Onlineumsatz mit Heimwerker- und Gartenartikeln. Da könnte der Zug für die etablierten deutschen Baumarktunternehmen fast schon abgefahren sein.

Dazu kommt das auch bei anderen Produktgruppen beobachtete Phänomen, dass Amazon häufig als Produktsuchmaschine eine Gatekeeper-Funktion einnimmt: 

„Und bei weiteren 38 Prozent der Käufe beginne zumindest die Produktsuche bei Amazon. ‚Auch wer eigentlich im Baumarkt kaufen will, recherchiert oft erst einmal online – und kauft vielleicht auch anschließend bei Amazon, obwohl der Onlinegigant nicht immer der günstigste Anbieter ist‘, beobachtet Dr. Eva Stüber, Autorin der Studie.“

Und wenn die Kunden schon einmal auf der Amazon-Website sind, ist der bekannte 1-Klick zum Kaufabschluss ja auch kein Problem mehr. Dadurch sieht Eva Stüber die klassischen Händler zunehmend vom Kundenkontakt abgeschnitten - „(e)tablierte Geschäftsmodelle sind durch die Amazonisierung oft nicht mehr zukunftsfähig“, so die Autorin der IFH-Studie.

Zieht man zudem den gesellschaftlichen Gigatrend „Convenience“ mit ins Kalkül, wird dieses Problem für die etablierten stationären Baumärkte künftig noch zunehmen. Grossen Nachholbedarf bei den Multi- oder gar Omnichannel-Angeboten der bekannten Anbieter an den städtischen Ausfallstrassen sehen auch die Verantwortlichen in den Geschäftsleitungen:  

„ ‚Beträchtliche Investitionen in die Verknüpfung von stationären Märkten und Onlinehandel sind nach unserer Überzeugung keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um gestiegene Ansprüche der Verbraucher im digitalen Zeitalter erfüllen zu können‘, mahnt etwa Albrecht Hornbach, Konzernchef des gleichnamigen Baumarktbetreibers.“

Dabei addieren sich zu den klassisch-betriebswirtschaftlichen Versäumnissen und unvollständiger Analyse der Kundenwünsche auch handfeste Probleme ganz anderer Art: während sich der Fachkräftemangel in anderen Branchen häufig auch auf äusserst bescheidene Gehälter zurückführen lässt, fehlen nach Angaben der Nürnberger Arbeitsagentur aktuell rund 45.000 LKW-Fahrer in Deutschland (ungefähr die gleiche Zahl geht alljährlich in den Ruhestand). 

Klar, die Arbeitsbedingungen sind hart, die Tage und Nächte auf der Strasse, in engen Innenstädten und auf Autobahnrastplätzen sind lang und ein Familienleben im klassischen Sinne schaut ebenfalls anders aus. 

„Weil aber nur rund 16.000 Nachwuchskräfte pro Jahr ihre Ausbildung abschließen, wächst die Bedarfslücke ständig weiter, der verfügbare Frachtraum ist bereits knapp“, so der „baumarktmanager“ weiter.

Ausländische Fahrer und Transporteure füllen diese Lücken bislang aus; so entfallen auf diese bereits „43 Prozent des mautpflichtigen Lkw-Verkehrs in Deutschland.“

„Heimische Speditionen, Gewerkschaften, aber auch westliche EU-Länder wehren sich gegen diese Entwicklung, wogegen führende Wirtschafts- und Industrieverbände bereits die Leistungsfähigkeit der deutschen Just-in-Time-Produktion gefährdet sehen. So weist der Hauptgeschäftsführer des Logistikverbands DSLV, Frank Huster, auf die international hochgradig arbeitsteilige Logistikwirtschaft hin: ‚Ohne den zusätzlichen Einsatz vor allem osteuropäischer Lkw-Flotten würde die Güternachfrage westeuropäischer Staaten nicht mehr befriedigt werden können.‘ „

Aber zurück zu den internen Problemen der Baumärkte - bis herunter auf die Ebene der Artikelstammdaten. Hier stellt schon die blosse Zahl von mehr als 100.000 verfügbaren Artikeln eine echte logistische Herausforderung für die Warenwirtschaften dar; häufig sind es die grossen Lieferpartner, die mit ihren auf den jeweiligen Kunden angepassten Produktdaten die grössten Probleme in deren Logistik und ERP-System eindämmen.

„Während es früher vielleicht ausreichend war, die Ware sicher vom Hersteller via Zentrallager zum jeweiligen Verkaufspunkt in die Filialen zu navigieren, liegt in Zeiten von Cross Selling die Messlatte der Anforderungen noch höher. Die Daten, die jedes Produkt begleiten, sollten auch Auskunft geben über sein Handling im Versand: Wo ist die Ware abrufbar, welche Speditionsart ist die rationellste, ist Expresslieferung möglich?“

Ein effizientes Supply-Chain-Management vom Lieferanten bis zum Endverbraucher sieht also anders aus - Faxbestellungen und andere Medienbrüche sind demzufolge immer noch an der Tagesordnung - eine teure und aufwendige Prozedur, die sich effizienten Abläufen, wie sie z.B. die grossen Lebensmittelketten längst beherrschen, frontal entgegenstellt und Modernisierungsbemühungen untergräbt.

Auch scheinen sich die Baumarktketten weder in ihrer Rolle als Wettbewerber untereinander noch in ihrem Verhältnis zu ihren Lieferanten und Logistikunternehmen grün zu sein.

Und hier kommt wieder unser E-Commerce-Leader Amazon ins Spiel: allein im DIY-Bereich sind dort circa 1 Million Artikel gelistet - für Prime-Kunden häufig am gleichen oder darauffolgenden Tag verfügbar - kein zusätzlicher Kommentar erforderlich.

Update - Umbruch im deutschen Buchhandel - Thalia und die Mayersche Buchhandlung schliessen sich zusammen

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Quelle: pixabay.comAbbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)


Hagen / Aachen, 10.1.2019 - Da staunte die Branche nicht schlecht - kein Wörtchen drang vorab von den Gesprächen an die Öffentlichkeit. So ist die geplante Fusion zwischen Deutschlands filialstärkstem Buchhändler Thalia und dem Branchenvierten, der Mayerschen Buchhandlung mit Sitz in Aachen eine dicke Überraschung. 

Wieder einmal wird ganz gross gedacht - 355 Filialen stellen die beiden Unternehmen zusammen auf die Beine. Klar - der Marktdruck hat nicht zuletzt durch Amazons Erfolge sehr stark zugenommen und Thalia dürfte gegenüber der Mayerschen deutlich mehr E-Commerce-Erfahrung mitbringen. Die Mayersche konnte dagegen durch einen Spielwarenableger im Non-Book-Bereich know-how sammeln, wie Peter Steinkirchner in seinem Beitrag für die Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche schreibt. 

Kritisch wird sich künftig aber die Lage für die verbliebenen selbständigen Buchhandlungen gestalten: neben schlechteren Einkaufskonditionen werden diese sich künftig mit mehr oder minder freundlichen Offerten des neuen Buchhandelsriesen konfrontiert sehen. 

Peter Steinkirchner dazu am 10.1.2019 in seinem Beitrag „Umkämpfter Buchmarkt: Fusion von Thalia und Mayersche wird den Druck im Buchhandel weiter erhöhen":

Natürlich gibt es Fälle, in denen ein Besitzer keinen Nachfolger findet und Orte, die ohne Buchladen dastünden, wenn nicht eine der Buchketten auf den Plan treten und das Geschäft weiterführen würde. Diese Situationen gibt es. Doch auch die Zahl derjenigen Buchhändler, bei denen nun mehr oder minder freundliche Angebote oder Nachfragen einlaufen, ob man nicht einmal über eine gedeihliche Zusammenarbeit reden könne, wird steigen.“

Klar - der Kuchen im Buchhandel dürfte auch in den kommenden Jahren nicht grösser werden (Lesebegeisterung wie Kundenfrequenz in den Innenstädten nehmen kontinuierlich ab) - und der Anteil des E-Commerce weiter steigen. 

Amazon ist bereits jetzt mit einem Buchumsatz von 1,3 Milliarden Euro Deutschlands grösster Buchhändler. Zudem schlafen ja auch die anderen grossen Wettbewerber nicht - Weltbild aus Augsburg (425 Millionen Euro Umsatz), Hugendubel aus München (340 Millionen Euro Umsatz) und Osiander aus Tübingen (geschätzter Umsatz rund 85-90 Millionen Euro). Dazu in Süddeutschland noch Rupprecht (Sitz in Vohenstrauss, geschätzter Umsatz rund 40-45 Millionen Euro). 

Allerdings konnte die E-Book-Reader-Allianz „Tolino", in deren Rahmen sich die grossen Buchhandelsketten bereits seit Jahren gegen Amazon verbündet haben, im Bereich E-Books gut gegen Amazon bestehen - und die Vormachtstellung des Kindle in Deutschland so bislang verhindern.

Die neue Allianz zwischen Thalia (950 Millionen Euro Umsatz) und der Mayerschen soll nach Worten der beiden Geschäftsführer bzw. Inhaber Hartmut Falter (Aachen) und Michael Busch (Hagen) offen für weitere Partner sein - vielleicht erleben wir da in den nächsten Monaten und Jahren noch einige Überraschungen.

Georg Giersberg in seinem Artikel für die FAZ-online vom 10.1.2019 „Fusion im Buchhandel: Thalia übernimmt Mayersche“:

Der bisherige geschäftsführende Gesellschafter der Mayerschen, Hartmut Falter, bringt sein Unternehmen in Thalia ein und erhält dagegen Anteile an der größeren Kette, Thalia. Er wird zudem zweiter geschäftsführender Gesellschafter bei Thalia. Die Filialkette, vormals ein Teil des Douglas-Konzerns, gehört heute mehrheitlich der Freiburger Verlegerfamilie Herder. Weitere Anteilseigner sind der frühere Douglas-Eigentümer Kreke, der Geschäftsführer Michael Busch und die Familie Göritz.“

Schwierig wird die Situation für die mittelständischen Verlage - hier wird die nochmals erstarkte Nachfragemacht des neuen Zusammenschlusses weiteren Druck auf die Margen ausüben.

***

Freiburg / Hagen, 1.8.2016 - Ein klein wenig muss man sich schon die Augen reiben ob der Nachricht: der Freiburger Herder-Verlag steigt bei Thalia ein. 

Moment, das lief vor zwanzig Jahren doch auch schon mal anders herum. 

Richtig, damals verkaufte die Verlegerfamilie Herder ihre Buchhandlungen an die Familie Kreke, welche diese in die Thalia-Filialkette integrierte. Lediglich die Carolus-Buchhandlung in Frankfurt am Main, damals noch in günstiger Lage am Liebfrauenberg, blieb im Besitz von Herder. 

Und nun?

Thalia ist auf dem deutschen Buchmarkt der zweitgrösste Spieler nach Amazon und mit seinen mehr als 280 Buchhandlungen und einem geschätzten Bruttoumsatz von 960 Millionen Euro (lt. Buchreport online, 11.7.2016) in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugleich auch Marktführer im Sortimentsbuchhandel des deutschsprachigen Raums. 

Verrückte Welt? Mag sein. Aber die vergangenen Jahre bei Thalia verliefen auch sehr schwankend und hie und da bewegten sich die Kunden in einer Filialwelt, die neben Lego-Figuren, Prinzessin Lillifee-Schlössern, einem breiten Schreibwarensortiment, diversen Notizbuchserien, Saisonartikeln, CDs und DVDs auch ein paar Bücher bereithielt - ins Auge fielen v.a. stapelweise Bestseller. 

Und jetzt soll alles anders werden - weg vom Kleinkaufhaus? 

Schon 2012 trennten sich die Eigentümer der damaligen Douglas Holding von ihrer Mehrheitsbeteiligung und damit auch von Thalia - diese ging an den Investor Advent International. 

Advent zerlegte und verkaufte daraufhin nach bewährter Investorenart die meisten Sparten der ehemaligen Douglas-Holding - nur für Thalia liess sich kein Käufer finden, auch nicht nach mehreren Anläufen. Also entschloss man sich zur Restrukturierung der Filialkette. 

Laut Ranjan Sen, Managing Partner der Advent International, 

„steht ‚Thalia heute, nach erfolgreicher Neuausrichtung, wieder auf wirtschaftlich gesunden Füßen und wächst aus eigener Kraft.‘ Mit den neuen Eigentümern übernehmen nun strategische Partner das Steuer, ‚die neue Impulse setzen können und damit die Marktposition von Thalia weiter stärken werden‘ “ (zitiert nach Buchreport online, 11.7.2016). 

Damit setzt sich der neue Eigentümerkreis (Konsortium) zusammen aus der Verlegerfamilie Herder, der Unternehmerfamilie Kreke als bisherigen massgeblichen Minderheitsgesellschaftern, Leif Göritz (Digitalunternehmer, ebenfalls bereits an Thalia beteiligt) sowie dem Thalia-Vorstandsvorsitzenden Michael Busch als geschäftsführenden Gesellschafter - vorbehaltlich der Zustimmung durch das Bundeskartellamt. 

Verleger Manuel Herder - er führt das Unternehmen seit 1999 in der sechsten Generation - äussert sich lt. Buchreport zum Kauf von Thalia, 

„dass es (Thalia, MB) Trends und Veränderungen im Buchhandel früh erkennen und erfolgreich gestalten kann. Zugleich steht das Unternehmen wie kaum ein anderes für den Erhalt der innerstädtischen Lesekultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die intensiven Gespräche der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass wir mit der Familie Kreke und dem Managementteam um Michael Busch die gleichen Werte und langfristige Vision für Thalia teilen.“

Mag sein, aber Herder hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark mit Entwicklung und Beteiligungen rund um digitale und audiovisuelle Themen und mobilen Inhalten beschäftigt. 

Leif Göritz und Herder kennen sich bereits aus anderen gemeinsamen Projekten. 

Nach Karriere beim German Centre Bejing und der Boston Consulting Group ist er seit 2013 als Unternehmer und Förderer (Inkubator) digitaler Start-Ups tätig. Parallel dazu wurde er als Beirat in die Geschäftsführung der Herder GmbH berufen. 

Seit vergangenem Jahr leitet er als Geschäftsführer die Smart Mobile Factory GmbH - 2014 von ihm und der Familie Herder gemeinsam übernommen. 

Sind das alles Hinweise auf eine Rückkehr des innerstädtischen Buchhandels? Doch wohl eher auf eine verstärkte Digitalisierung von Leseinhalten. Und was ist mit der Filialgrösse? Kunden möchten inzwischen die Wahl haben zwischen wirklich grossen Buch-/Medienkaufhäusern und übersichtlichen Buchhandlungen, in denen sie sich orientieren können. Und Thalia - liegt ziemlich genau in der Mitte. Es bleibt also spannend im deutschen Buchhandel.

Update: Amazon Go - Supermarkt ohne Kassen vor der Expansion?

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Quelle: Video-Still des Trailers zu Amazon Go 


Seattle, 9.1.2019 - Vielleicht erinnern Sie sich noch an Ihre letzten Einkäufe vor den Weihnachtsfeiertagen oder an Silvester? Während sich die Kassenschlangen in Kaufhäusern, im Textilhandel, in Schuhgeschäften oder ähnlichen Outlets vielerorts in sehr überschaubaren Grenzen hielten, „stapelten“ sich die Kunden an den Supermarktkassen. 

Und als wie nervig empfinden viele von uns inzwischen die leidige Prozedur? 

Erst mühsam alles in den Einkaufswagen packen, dann in die Kassenschlange, warten ohne Ende, anschliessend alle Waren auf’s Band und dann wieder in den Einkaufswagen, damit ans Auto und dann nochmals umpacken. Geht das denn wirklich nicht eleganter? 

Doch - es geht. Neun kassenlose Supermärkte betreibt der Handelsriese Amazon unter dem Label „Amazon Go“ inzwischen in den USA. Und das mag erst der Anfang sein, wie der US-Technikblog recode.net berichtet. Er sieht allein bis 2021 ein Multi-Milliarden-Business für Amazon am Horizont heraufziehen. Einem Bloomberg-Report zufolge, so recode.net, plane Amazon in den nächsten zwei bis drei Jahren die Eröffnung von weiteren 3.000 Amazon Go-Supermärkten. 

Und das lohnt sich in doppeltem Sinne: denn die bisherigen Amazon Go-Supermärkte generieren 50 Prozent mehr Umsatz als ihre traditionell arbeitenden Wettbewerber - der Durchschnittsbon liegt bei 10 US-Dollar. Mit 550 Kunden pro Tag realisiert so jeder der bestehenden Amazon Go-Märkte 1,5 Millionen US-Dollar Umsatz pro Jahr - an rund 273 Verkaufstagen (RBC Capital Markets). 

Unklar scheint recode.net zufolge zum jetzigen Zeitpunkt das künftige Handelsformat zu sein, vulgo: welche Produktschwerpunkte werden in den neuen Amazon Go-Märkten gesetzt? 

Convenienceprodukte à la „Pret A Manger“ oder klassische Handelswaren wie bei Tante Emma, Rewe oder Edeka & Co.? Klar scheint - je näher an Konzepten wie „Pret A Manger“, desto höher mutmasslicher Umsatz und Gewinn. 

Die Rollout-Kosten für die 3.000 neuen Amazon Go-Supermärkte werden von Morgan Stanley auf 3 Milliarden US-Dollar geschätzt. Selbst für Amazon mit einem aktuellen Börsenwert von 797 Milliarden US-Dollar - das teuerste börsennotierte Unternehmen - keine Kleinigkeit. 

Vergessen wir aber nicht - darauf weist Mirjam Hecking im Manager Magazin hin - dass die grossen chinesischen Konkurrenten Amazons ebenfalls schon sehr weit bei der Umsetzung ihrer Offline-Strategie sind:

Schon 2017 stieg beispielsweise Alibaba für einen Milliardenbetrag bei der chinesischen Supermarktkette Sun Art sowie bei der Elektronikkette Suning ein. Anfang 2018 folgte dann ein weiteres Millioneninvestment in die Möbelkette Easyhome. Insgesamt 10 Milliarden Dollar hat Alibaba sich seine Offlineaktivitäten laut dem "Economist" bislang kosten lassen.

Alibabas Vorzeigeprojekt ist jedoch die Supermarktkette Hema. 2015 gegründet, existieren mittlerweile 46 Läden der Kette in 13 Städten. Weitere 2000 sind offenbar geplant. Neben dem Einkauf frischer Lebensmittel können Kunden sich dort die gekauften Produkte auch direkt zubereiten, innerhalb von 30 Minuten nach Hause liefern lassen und an der Kasse per Gesichtserkennung bezahlen.

Auch Konkurrent Tencent sowie der chinesische Alibaba-Konkurrent JD.com tummeln sich längst im stationären Handel. So unterhält Tecent, Betreiber des in China beliebten Chatdienstes Wechat, zusammen mit Rossmann-Großaktionär A.S. Watson und dem Supermarktkonzern Yonghu mehr als 70 Supermärkte in der chinesischen Provinz Guangdong. Zudem testen die Chinesen zusammen mit der französischen Supermarktkette Carrefour neue 'Smart-Retail'-Technologien wie etwa kassenlose Bezahlsysteme.

Und auch J.D.com hat die Verknüpfung von On- und Offlinehandel für sich entdeckt und zuletzt massiv in das Geschäft mit frischen Lebensmitteln investiert. Medienberichten zufolge will das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren seine Supermarktkette 7Fresh um 1000 Läden erweitern.“ 

***

Seattle, 10.4.2017 - Vor ein paar Tagen berichtete das Wall Street Journal über technische Probleme im „Supermarkt der Zukunft“, einem Pilotprojekt von Amazon in Seattle.

Clou von Amazon Go soll das kassiererlose Einkaufen und Auschecken sein. Dabei überwachen Kameras und Sensoren, welche Waren die Kunden einkaufen und letztlich mitnehmen. Fast unnötig zu erwähnen, dass parallel hierzu eine ganze Menge an Big Data- und Deep Learning-Prozessen ablaufen. 

Insider berichten jedoch über ein aktuelles Problem - mehr als 20 Leute dürfen sich nicht gleichzeitig im Laden aufhalten oder sollten sich sehr langsam bewegen. Amazon verschiebt die ursprünglich zum zweiten Quartal geplante Eröffnung jetzt auf unbestimmte Zeit. Schon jetzt scheint klar zu sein: mit nurmehr drei Supermarktbeschäftigten (wie ursprünglich geplant) lässt sich die neue Technologie auch künftig wohl nicht betreiben.

***

Seattle, 11.12.2016 - Viele von Ihnen kennen die Selbstscan-Kassen in den IKEA-Möbelhäusern - häufig eine gute Idee, um sich die Warterei in den Kassenschlangen zu ersparen. Sie kramen also den Scancode von „Tröndby“, „Naxen“ oder „Tjurf“ irgendwie so hervor, dass Sie ihn mit dem 3D-Handscanner, der an einem viel zu kurzen aber umso störrischeren Kabel an der Zahlstation fixiert ist, abscannen können. 

Naja, so richtig flüssig geht das alles nicht, und ein kleines Bachelorstudium muss man auch schon absolviert haben, bevor der erste erfolgreiche IKEA-Self-Checkout mittels beschriebenem Scan und anschliessendem Zahlvorgang mit EC-Karte und Unterschrift funktioniert.

Wieviel einfacher wäre es doch, wenn Sie sich diesen ganzen aufwendigen Vorgang sparen und einfach mit den Waren, die Sie haben möchten, aus dem Laden spazieren könnten - keine Kasse, weder traditionell noch à la IKEA?

Amazon, unsere Freunde und Förderer der Künstlichen Intelligenz aus Seattle/Washington, haben sich das wohl auch gedacht und sogleich eine (fast) marktfähige Lösung vorgestellt: Amazon Go - der Supermarkt ohne Kassen.

Vier Jahre lang habe man in Seattle an Idee und Lösung des bargeldlosen Einkaufs per Smartphone, Amazon-Konto und spezieller -App „gebastelt“ - und jetzt die Beta-Version eines Amazon Go-Supermarkts eröffnet - vorerst nur für Amazon-Mitarbeiter - ab Frühjahr 2017 dann für alle Interessenten.

Und das Einkaufen ist wirklich verblüffend einfach: Amazon Go-App auf dem Smartphone öffnen (die muss vorab natürlich mit Ihren Amazon-Zugangsdaten „gefüttert“ werden), an der Eingangsschranke damit einchecken. Die App weiss nun, dass Sie mit Ihrem Einkauf beginnen. Nun kaufen Sie ein, wie Sie halt im Supermarkt einkaufen, legen Waren zurück, nehmen stattdessen neue usw. usw. Sie packen alles gleich in Ihre Einkaufstasche, Ihren Rucksack oder was immer Sie auch an Behältnissen dabei haben und gehen schliesslich einfach wieder aus dem Amazon Go-Supermarkt hinaus - fertig. Der Einkaufsbetrag wird Ihrem Amazon-Konto belastet.

Laut Branchendienst Business-Insider plant Amazon in den kommenden zehn Jahren allein in den USA, rund 2.000 dieser Supermärkte zu eröffnen, wobei noch unklar ist, ob alle vom Amazon Go-Typ sein werden. Kein Wunder, der Lebensmitteleinzelhandel in den USA gibt immerhin um die 800 Milliarden Dollar Umsatzpotential pro Jahr her (2015).

Der Einsatz geballter Künstlicher Intelligenz oder Artificial Intelligence (AI) machen die bargeldlose Shopping-Tour erst möglich. Hier setzt auch die Kritik von Datenschützern an: Jeder Griff zu einem Produkt im Regal wird von der Amazon Go-App registriert; der entsprechende Betrag erscheint sofort digital in der Anwendung - ebenfalls wird er beim Zurücklegen der Ware wieder entfernt - Amazon spricht von „virtual cart“, also einem virtuellen Einkaufswagen.

Kann das mit rechten Dingen zugehen?

Ja, sofern die komplette Vermessung der menschlichen Bewegungsabläufe während des Einkaufens als rechtens erachtet wird. Faszinierend und beängstigend zugleich.

Die Kollegen Bastian Brauns und Veronika Völlinger von ZEIT ONLINE am 6.12.2016 dazu:

„Amazon hält sich mit Details bedeckt und spricht eher nebulös von seiner Shopping-Technologie, von Computer Fusion , Deep Learning Algorithms und Sensor Fusion. Was die Schlagwörter bedeuten, erklärt der Konzern nicht. Für die Kunden bedeutet das: Sie werden nicht nur digital erfasst, sondern auch analog komplett vermessen. Details zur Technik, die Amazon in seinem Supermarkt zum Einsatz bringen könnte, lassen sich beim Technologiemagazin Recode finden. Vor etwa einem Jahr veröffentlichte Recode einen Patentantrag von Amazon, in dem das Unternehmen detailliert auflistet, welche Funktionen es patentieren lassen möchte. Inwieweit das allerdings im Amazon-Go-Supermarkt in Seattle bereits umgesetzt wird, ist unklar. 

Vereinfacht kann davon ausgegangen werden, dass ein Zusammenspiel unterschiedlicher Technologien nötig sein würde: Nimmt ein Kunde beispielsweise ein Sandwich aus dem Regal, könnten Kameras das Sandwich erkennen. Sie würden außerdem erkennen, welcher Kunde das Sandwich in der Hand hält und registrieren dann den Kunden und das Produkt und übermitteln die Daten an den individuellen Amazon-Account. Der Kunde könnte aber vielleicht die Verpackung mit seiner Hand verdecken, sodass die Kameras das Produkt nicht eindeutig registrieren können. Dann wüsste das System aber, dass der Kunde oft dieses Sandwich kauft, und es weiß, dass Sandwiches genau an dieser Stelle liegen, an der der Kunde sich eines gegriffen hat.“

Klar, dass Amazon viele Nutzerdaten erheben und mit leistungsfähigen Big Data-Analysetools und -algorithmen be- und verarbeiten muss, um das kassenlose Einkaufen zu ermöglichen. Basis dafür sind die jeweils bereits bekannten Shoppingdaten der einzelnen Kunden, ergänzt durch deren Offline-Einkaufsverhalten und die intelligente Verknüpfung und Aktualisierung dieser Daten. Bewegungsprofile erstellen - oder die Frage beantworten: wie gut bist Du heute drauf? All das dürfte möglich werden. 

ZEIT ONLINE zitiert den früheren Datenschutzbeauftragten Peter Schaar, der seine Besorgnis ob dieser potentiellen Bewegungsprofile äussert. Für Europa und Deutschland sieht er jedoch keine rechtliche Möglichkeit, solche Bewegungsprofile von Nutzern zu erstellen; Kunden müssten hierzu vorab einwilligen. 

Der Gigatrend Concenience wird durch Amazon Go aber alle mal befriedigt; auch in der realen Welt. Und näher auf die Pelle rückt Amazon seinen Kunden so allemal. Dazu nochmals ZEIT ONLINE:

„Was Kunden aber offenbar am meisten schätzen sind Service und Bequemlichkeit. Und Amazon befriedigt dieses Bedürfnis mit immer neuen Ideen. Das Konzept der Amazon Go Lebensmittelläden jedenfalls passt zur konsequenten Strategie des Unternehmens, immer näher an seine Kunden heranzurücken, auch in der analogen Welt. 

Längst werden Lieferungen nicht mehr nur mit der Post oder Paketdiensten gebracht. Mit seinen eigenen Lieferdiensten Amazon Prime oder Amazon Prime Now schickt das Unternehmen inzwischen eigene Kuriere direkt zu seinen Kunden und übergibt die Waren persönlich. Sogenannte Pick-up-Stores plant Amazon ebenfalls. Auch sie sollen bald eröffnen. Kunden können hier ihre bestellte Ware direkt selbst abholen, ebenfalls mit angekündigt nur geringer Wartezeit.

Alles richtig gemacht, Amazon? Schaun’ wir mal, wie es bei uns in Deutschland damit weitergeht.

„Schnauze, Alexa!“ - Johannes Bröckers' ganz persönlicher Dialog mit Amazon

Quelle: © Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2018


Frankfurt am Main, 17.12.2018 - Etwas barsch klingt der Titel seines neuen Buches ja schon: „ ‚Schnauze, ALEXA!‘ Ich kaufe nicht bei Amazon“. So sollte aber auch Johannes Bröckers, in Frankfurt lebender Marketingberater, Autor und Dozent nicht mit den kleinen digitalen Spionen umgehen, die sich viele Millionen Menschen freiwillig in die eigenen vier Wände oder gar ins Büro stellen. Und Amazons Alexa ist vielleicht die bekannteste unter Ihnen. 

Komisch - diesen Helferlein scheint, ganz anders wie einstmals bei Disneys Daniel Düsentrieb, eine weibliche Identität fast schon verpflichtend zu sein. Können die Anbieter hier von leichterem Vertrauensaufbau ihrer Nutzer ausgehen? Mmh - das klingt fast schon nach metaphysischen oder doch zumindest sozial-psychologischen Erörterungen. Lassen wir das also besser für heute. 

Bröckers erläutert in dem kleinen, knapp 100 Seiten umfassenden Büchlein seinen persönlichen Weg der Bewusstseinsbildung im Umgang mit Amazon. Und zitiert dabei immer wieder spannende Denker wie Arthur Koestler oder den ehemaligen Amazon-Chefwissenschaftler Andreas Weigend. Er macht das in einem angenehm-unaufgeregten Ton und erhebt sich keinen Moment über die allein mehr als 44 Millionen Amazon-User in Deutschland - auch er selbst verfügt noch über einen „lebenden" Amazon-Account. 

Vielmehr appelliert Bröckers an unser aktives Mitdenken und dazu, uns zu fragen, wieviel uns die Bequemlichkeit des Bestellens bei Amazon wert ist? Warum verfallen wir in Hysterie und rufen zum Boykott auf, wenn die Regierung mal wieder einen Mikrozensus ankündigt, „werfen“ aber Unternehmen wie Amazon unsere Daten einfach und widerstandslos hinterher? Oder steckt dahinter vielleicht eher eine evolutionäre Fehlentwicklung unseres Gehirns, wie er mit dem erwähnten Koestler vermutet?

Hören Sie sich das kleine Interview an, das Johannes Bröckers in der DLF-Sendung „Andruck“ der Moderatorin Catrin Stövesand zu seinem Buch gibt - sehr erhellend - auch und gerade im Glanz der Vorweihnachtszeit.

Und - fast schon selbstverständlich - das Bändlein gibt es auch als e-Book für den Kindle von Amazon - „Honi soit qui mal y pense“.

WDR - Die Story „Allmacht Amazon"

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Quelle: pixabay.com - Abbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)

Seattle/Köln, 5.12.2018 - Klar, Amazon-Bashing mag chic sein und die Auseinandersetzungen um Löhne und Tarifverträge oder den Druck, den Amazon vielerorts auf Kommunen ausübt, mag Kritikern auch recht geben. Dazu die Diskussionen um Marktmacht, Steuervermeidung und vieles mehr.

Aber das Bild ist schillernder: Leerstandsquoten, die in vielen (deutschen) Städten auf 50 Prozent zulaufen, in der Folge das Wegbrechen der Grundversorgung für die Bürger und die zunehmende Verödung der Innenstädte - vielleicht ist Amazon mit eigenen Geschäften hier sogar einmal der Retter?

Eine Welt voller Künstlicher Intelligenz, Handelsexpertise und dem unbedingten Willen, alles überall auf der Welt verkaufen zu wollen - die Vision von Amazon-Chef Jeff Bezos.

Lassen Sie sich in dieses Wunderland entführen - pünktlich zu Nikolaus und bevorstehendem Weihnachtsfest - Sie werden staunen.


WDR-Fernsehen - Die Story v. 5.12.2018

„Handel im Wandel“ - Einblicke in Realität und Zukunft sterbender Innenstädte


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Innerstädtisches Einkaufszentrum „My Zeil“ in Frankfurt am Main


Köln, 25.11.2018 - Pünktlich zu den umsatzstärksten Wochen des Jahres im Einzelhandel unternimmt der Westdeutsche Rundfunk auf WDR5 in seiner Feature-Reihe „Tiefenblick“ den dankenswerten Versuch, Realität und Zukunft des innerstädtischen Einzelhandels und die Entwicklung des E-Commerce zu skizzieren.

So erfahren wir vom Autor Dieter Jandt in spannenden O-Tönen und Interviews zum Beispiel von Einkaufszentren, die häufig erst innerstädtische Läufe verändern, so das Fachhandels-Sterben forcieren und anschliessend selbst Leerstände aufweisen.

Dabei stehen sich die Interessen von Zentrenbetreibern, Händlern vor Ort und der vielfältigen Stakeholders der Politik und Interessensverbände nicht selten diametral entgegen - von uns als potentiellen Verbrauchern erst gar nicht zu reden.

Und die Zukunft? Digitale Modelle, Lieferservices und überhaupt - Shoppen im Netz rund um die Uhr und Belieferung per Drohne oder Roboter? 

Hören Sie rein.

Handel im Wandel (1/3) - Shoppingcenter neu erfunden

Handel im Wandel (2/3) - Problemzone Innenstadt

Handel im Wandel (2/3) - Eier per Drohne

„Ich bin dann mal weg“ - Der letzte OTTO-Katalog geht in Druck


2018-11-24 Titel Erster und letzter OTTO-Katalog

Quelle: Otto (GmbH & Co. KG), Hamburg - Titel der ersten und letzten Ausgabe des OTTO-Katalogs


Hamburg, 24.11.2018 - OTTO-Versand…Hamburg! Die Älteren unter Ihnen werden sich sicher an diesen Ohrwurm aus der damaligen Radio- und Fernsehwerbung erinnern und die noch Betagteren vielleicht daran, wie sie leicht zitternd vor Aufregung und Verheissung die erste Ausgabe des OTTO-Katalogs aus dem Jahr 1950 in Händen hielten - eine Rarität, handgebunden, Auflage 300 Stück. 

Einkaufen per Katalog, die Ware nicht vorher anfassen und einschätzen können? Damals eine völlig absurde Vorstellung. Fast genau so gut hätte man den Menschen die Zukunftsvision einer Welt mit Internet näherbringen wollen. Dabei ging es zu jener Zeit „nur" um die Bestellmöglichkeiten per Postkarte/Brief, Telefon oder beim OTTO-Händler um die Ecke (ja, auch so etwas gab es) - und das Fax war noch nicht erfunden.

Nicht zu vergessen - auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte geht mit dem Ende des OTTO-Katalogs zu Ende: auch im „real existierenden Sozialismus“ erfreute sich der OTTO-Katalog allergrösster Beliebtheit, führte er doch die Produktvielfalt des vermeintlichen Paradieses unbegrenzter Konsummöglichkeiten sinnhaft vor Augen.

Die Website des Hamburger Unternehmens dazu - Ohne OTTO-Katalog in die Zukunft:

„Seinen Anfang hat der Pioniergeist des Unternehmens 1950 gefunden. Mit dem ersten handgebundenen Katalog Werner Ottos. Achtundzwanzig Paar Schuhe auf vierzehn Seiten. Insgesamt dreihundert Haushalte erreichte das Werbewerk damals. Schnell interessierten sich mehr und mehr Menschen für die Bestellung per Katalog. Das Angebot wuchs - von Möbel, über Mode und Technik - die Auflagen und Seitenzahlen stiegen auch. Zu Spitzenzeiten war der OTTO-Katalog über 1000 Seiten stark – mehr als 70 Mal so dick wie zu Beginn der Unternehmung. Top-Models wie Claudia Schiffer, Heidi Klum oder Gisele Bündchen, Ikonen ihrer Zeit, schmückten das Cover der gewichtigen Drucksache. Jetzt ist Schluss damit.“

Freilich ist die Einstellung des OTTO-Katalogs nur folgerichtig, denn nach Aussage von Marc Opelt, Vorsitzender des OTTO-Bereichsvorstandes und verantwortlich für den Bereich Marketing, werden inzwischen rund 95 Prozent des Umsatzes online erwirtschaftet, davon annähernd die Hälfte via Mobile Devices.

Und - nicht immer kommen die aktuellen Handelstechnologien aus Kalifornien oder Japan, wie der OTTO-Website ebenfalls zu entnehmen ist:

„OTTO blickt nach vorn. In die Zukunft des E-Commerce. Ganz so, wie der Pioniergeist des Unternehmens es schon immer getan hat. Der Fokus liegt auf Themen rund um Smart Home, Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Dafür investiert OTTO Millionen in neue Technologien, wie Computer Generated Imagery. Probiert sich an Beratungsformaten, wie Augmented Reality Apps, und arbeitet an zukünftigen Einkaufswegen, wie Voice Commerce. Weg von dem einen großen Ding, das alle Interessen aller Kunden bündelt, hin zu speziellen Angeboten. Dank intelligenter digitaler Mechanismen im Hintergrund, aber auch hier mit dem einen großen Ziel: das individuelle Einkaufserlebnis der Kunden kontinuierlich zu verbessern - weil jeder einzelne Kunde zählt.“

Zudem hat OTTO längst den Weg des Anbieters einer Handelsplattform eingeschlagen, die zahlreiche Händler bereits erfolgreich für sich nutzen. So summiert sich die Zahl der verfügbaren Produkte auf mehr als 2 Millionen; jeder Händler muss dabei mindestens 300 Produkte auf der Plattform anbieten.

Die jüngere, digitalaffine Kundschaft muss allerdings erst noch von den Vorzügen der neuen OTTO-Welt überzeugt werden - hier liegt der Klick bei den üblichen Verdächtigen wie Amazon, Zalando oder eBay einfach näher.

Nach Angaben des Hamburger Handelsunternehmens wird die letzte Ausgabe des OTTO-Katalogs am 4. Dezember 2018 erscheinen. Ich war wohl zu spät mit meiner Bestellung - aber sicherlich wird es einen Sekundärmarkt für das Abschiedsexemplar geben.

Kommentar von Jan Drees, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk - 22.11.2018

HR2 - Der Tag: Otto, mon Amour - Ein Katalog wird zur Geschichte - 3.12.2018

„Black Friday“, „Cyber Monday“ oder welche Kuriositäten hätten Sie denn noch gerne?


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Quelle: pixabay.com - Abbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0)


Frankfurt am Main, 23.11.2018 - „Black Friday“ - der Urvater aller vorweihnachtlichen Rabattschlachten im Einzelhandel, bezieht sich eigentlich im Kern auf einen sehr beschaulich-feierlichen Anlass: nachdem die ganze (US-amerikanische) Familie sich am vierten Donnerstag im November zum traditionellen Truthahnessen um den festlich gedeckten Tisch versammelt und ihrem Schöpfer und den Gründervätern für besondere Erlebnisse im vergangenen Jahr gedankt hat, wird am Freitag der Auftakt zu den Weihnachtseinkäufen eingeläutet. 

Viele Menschen nehmen sich an diesem Tag frei und geniessen so ein langes Wochenende - nicht ohne bereits frühmorgens in den Einzelhandelsgeschäften aufzukreuzen, um der nämlichen „Black Friday“-Schnäppchen Herr zu werden und die Geschenkeliste für das Fest der Liebe abzuhaken. 

Seit 2005 werden denn auch am „Black Friday“ die höchsten Einzelhandelsumsätze des Jahres in den USA erzielt. Kein Wunder, denn Geiz ist auch jenseits des Atlantik geil, wenn man die Schnäppchen nun mal schon auf dem Silberteller serviert bekommt. 

Zusätzlich gilt der „Black Friday“ als wichtiges Datum für die zu erwartenden Umsätze im eigentlichen Weihnachtsgeschäft. Soweit - so gut.

Was erleben wir allerdings seit einigen Jahren auf unserer Seite des Atlantiks? Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten ist der „Black Friday“ bislang eher ein Online-Phänomen. Dabei sollten sich die Schnäppchenjäger auch ein klein wenig vorsehen, denn viele der vermeintlich so interessanten Angebote mit Abschlägen von 50, 60 oder 70 Prozent entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Luftnummern. Häufig werden nämlich die stolzen Rabattierungen auf Basis der UVPs vorgenommen, die sich in der Praxis jedoch bereits längst in „Strassenpreise“ aufgelöst haben. So ist vor allem bei Unterhaltungselektronik und Fotoprodukten Vorsicht geboten - jedoch auch bei anderen Produktgruppen.

Jeroen van Rooijen geht in seiner „Stilkritik“ vom 23.11.2018 auf bellevue.nzz.ch noch einen Schritt weiter: „Mit dem ‚Black Friday‘ schaufelt der Handel weiter am eigenen Grab“ - so der Titel seiner Analyse. Und natürlich hat er damit recht: seit gut einer Woche bekomme ich jeden Tag gefühlte 328 Mails, die mit besonders ausgefallenen Rabatten auf Produkte aller Art bis hin zu Software und Wohndesign hinweisen, Autozubehör wie Winterreifen und Standheizungen dabei nicht zu vergessen. Und ob die ganze Aktion jetzt unter „Black Friday“, „Red Friday“, „Cyber Days“, „Cyberweek“, „saphirschwarzer Freitag“ oder einem ganz anderen Titel läuft, ist dann auch schon egal. 

Suggeriert werden soll immerfort das Gleiche: JETZT ist die Gelegenheit zum „Zuschlagen" bei den Schnäppchen und wer sich dem verweigert, ist ein ignoranter Tropf (oder gar Schlimmeres).

Van Rooijen verweist beispielhaft auf den Textilhandel 2018, der nicht nur wegen des langen, trockenen und heissen Sommers immer noch mit vollen Lagern der Winterkollektion kämpfe, sondern dem zudem die preisbewussten Kunden scharenweise von der Fahne gingen - ins Ausland (vulgo: angrenzende EU-Länder) oder natürlich ins Internet.

Grundsätzlich könne hier der Kaufschub eines „Black Friday“ für sinnvolle Entlastung der Warenbestände sorgen; die Margen blieben jedoch in der Folge für lange Zeit ruiniert. Und - Kunden gewöhnen sich sehr schnell an Niedrigpreise.

Wie denn auch nicht, wenn Ihnen über’s ganze Jahr irgendwelche Rabattaktionen versprochen werden - Coupons, Einkaufsgutscheine, Mid Season Sales - und immer steht für die Kunden die Frage im Raum: „Geht’s nicht noch etwas billiger?“

Im Kern hat sich hier auch der Handel mit qualitativ hochwertigen Artikeln in eine Lage gebracht, die nur noch Argumentationsmuster à la „Rudis Reste Rampe“ kennt - billig, billiger, am billigsten. 

Dumm nur, dass mit einer solchen Preispolitik die notwendige nachhaltige Marge (leichtfertig) auf’s Spiel gesetzt wird - und so der Fortbestand des Handelsunternehmens gefährdet wird.

Natürlich liesse sich aus Handelssicht auch aus diesem Geschäftsmodell etwas Sinnvolles „stricken“: man bietet als Händler dann eben nicht reguläre Ware an, sondern Überhänge, Artikel der letzten Saison oder extra für die Rabattaktion eingekaufte Ware. 

Die tückische Dialektik eines solchen Geschäftsgebarens sollten Händler jedoch nicht unterschätzen: bemerkt „König Kunde“ nämlich diese Taktik (oder gar langfristige Strategie), ist das vorab mühsam aufgebaute Vertrauen schnell dahin und der Händler steht mit seinen Lockangeboten als „Kaiser ohne Kleider“ da - und hat zudem Probleme, seinen Kunden künftig überhaupt noch vernünftige Preis-/Qualitätsrelationen seiner Produkte aufzeigen zu können. 

Wie es auch anders gehen kann, zeigt die Händlervereinigung „Münchens Erste Häuser“.


Drei der fünf traditionsreichen Einzelhändler Hirmer, Sporthaus Schuster, Kustermann, Bettenrid und Hugendubel setzen bei ihrem „Better Friday“ nicht auf Schnäppchen, sondern auf ein „Zeichen verantwortungsvollen Miteinanders“: sie spenden einen Teil ihres Tagesumsatzes vom 23. November
an die Anton Schrobenhauser Stiftung „kids to life“ - eine Initiative, die sich seit nunmehr fünfzehn Jahren national wie international um benachteiligte Kinder und Jugendliche bemüht.

ADOBE-Studie: "Deutsches Weihnachtsgeschäft wächst um rund 20 Prozent"


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Quelle: pixabay.com - Abbildung Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) -
Bearbeitung: Michael Borchardt


München, 19.11.2018 - Wow, es gibt auch noch gute Nachrichten im Einzelhandel. Und die serviert uns dieser Tage mit Adobe ausgerechnet einer der kalifornischen Big Player in seinem „Adobe Holiday Retail Survey 2018“. 

Und es geht darin um keine Kleinigkeiten: die Kauflaune deutscher Konsumenten für Weihnachtsgeschenke wird hier mit durchschnittlich 674,- Euro markiert - rund 20 Prozent oder gut 100,- Euro mehr als im Vorjahr. Das sind die bislang grössten geplanten Ausgaben für’s Fest der Liebe hierzulande. 

Dass die Deutschen hinter den Briten (+ 5 Prozent auf nunmehr umgerechnet 2.344,- Euro) und den Franzosen (mit + 46 Prozent auf nunmehr 730,- Euro) nur den dritten Platz auf dem europäischen Ausgabentreppchen belegen, sei’s drum. 

Befragt wurden für die Online-Studie zwischen dem 24. und 29. Oktober 2018 mehr als 3.000 französische, britische und deutsche Konsumenten ab 18 Jahren, die ein Smartphone besitzen, davon mehr als 1.000 in Deutschland. 

Demnach sind die frühen Käufer von Weihnachtsgeschenken (45 Prozent) denn auch bereits in diesen Tagen auf der Pirsch, um ihre „Lieblingsstücke“ zu ergattern. 86 Prozent der Konsumenten wollen ihre Weihnachtsbesorgungen bis Mitte Dezember erledigt haben. Soviel zu den optimistischen Perspektiven der Studie. 

Weniger optimistisch dürfte den stationären Handel stimmen, dass gemäss der Adobe-Umfrage mit 53 Prozent mehr als die Hälfte des Budgets der deutschen Weihnachtseinkäufe ins Internet fliessen sollen (Frankreich 49 Prozent, Grossbritannien 56 Prozent). 

Davon profitiert nun auch erwartungsgemäss weniger der kleine Webshop des kleinen Einzelhändlers, sondern v.a. die grossen Player im E-Commerce: Amazon, eBay & Co. dürfen demnach mit gut einem Viertel (26 Prozent) der deutschen Weihnachtseinkäufe rechnen, dabei schielen unsere preissensiblen deutschen Einzelhandelskunden zusätzlich noch auf (vermeintliche) Superschnäppchen rund um den „Black Friday“ (23.11.) oder den Cyber Monday (19.11.) bzw. die Cyber Monday Woche (19.-26.11.). 

Was sind die wichtigsten Argumente für die Einkäufe der Weihnachtsgeschenke im Netz?

  • guter Preis (29 Prozent)
  • stressfreier Einkauf (18 Prozent)
  • grosse Produktvielfalt (17 Prozent)

Und Last-Minute-Shopper schätzen der Adobe-Studie zufolge v.a.

  • schnelle 24-Stunden-Lieferung (59 Prozent)
  • Abholen der im Netz bestellten Artikel im stationären Geschäft (Click & Collect) (31 Prozent)

Jamie Brighton, Head of Product & Industry Marketing bei Adobe EMEA erläuternd:

„ Verbraucher in ganz Europa planen, mehr denn je in der kommenden Weihnachtszeit auszugeben. Für den Online-Handel bedeutet das vor allem eines: Ein weiteres Rekordjahr steht vor der Tür, wenn sie das Weihnachtsgeschäft richtig angehen. Noch nie war es für den Handel so wichtig, ein digitales Kundenerlebnis zu realisieren, das den steigenden Erwartungen der Konsumenten gerecht wird. Auch wenn der Preis beim Weihnachtseinkauf für viele Kunden eine wichtige Rolle spielt: Das Shopping-Erlebnis macht den Unterschied! Insbesondere für Marken, die nachhaltig Loyalität aufbauen wollen, damit die Kunden nach dem Weihnachtsfest wiederkommen.‘ "  

Neben den gewonnenen Einsichten über die favorisierten Einkaufskanäle und dem damit verbundenen weiteren Bedeutungsverlust des stationären Handels ist ein weiteres Ergebnis des Adobe-Surveys bemerkenswert. Knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) möchte die Einkäufe über’s Smartphone bzw. mobile Shopping-Apps tätigen (bei den ums Jahr 2000 Geborenen - den Millennials - sind es sogar 60 Prozent). Auch soziale Medien spielen bei der Geschenkeauswahl eine bedeutsame Rolle: 

  • Nutzung sozialer Medien bei der Inspiration bzw. Suche nach dem richtigen Geschenk (27 Prozent - Millenials 50 Prozent)
  • Checken der Produktbewertungen anderer Nutzer bzw. Käufer (38 Prozent)
  • Recherchieren von Weihnachtswünschen in den Social Media-Profilen von Freunden und Familie (36 Prozent)
  • Nutzen von Chatbots bei der Beratung (11 Prozent)

Mit 48 Prozent der Befragten haben knapp die Hälfte der Konsumenten eine ungefähre Idee zu den passenden Geschenken; haben sich jedoch noch nicht festgelegt. Je ein Viertel der Deutschen geht anhand einer Geschenkeliste mit Deadlines für den Einkauf auf die Jagd nach den Weihnachtspräsenten, etwas mehr (27 Prozent) lassen sich jedoch von spontanen Angeboten überraschen. 

Und - praktisch sollen die Geschenke denn auch noch sein. So sehen es 70 Prozent der Befragten. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie einen Satz Winterreifen, eine Bohrmaschine oder einen Hightech-Staubsauger inkl. HEPA-Hygiene-Ausstattung unter dem Christbaum finden.

Spannend und ergänzend zum Set der (begleitenden) Online-Befragung noch einige Anmerkungen von Adobe zum Einsatz künstlicher Intelligenz im Rahmen des Surveys:

„Die aktuelle Holiday Retail Survey 2018‘ ist bereits die vierte Studie von Adobe rund um die Weihnachtsausgaben und Kaufgewohnheiten weltweiter Konsumenten. Darin wurden mit Hilfe von Adobe Sensei, dem Framework für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen von Adobe, relevante Retail Insights identifiziert, die auf Billionen von Datenpunkten in der Adobe Analytics und Magento Commerce Cloud, einem Teil der Adobe Experience Cloud, basieren. Nur die Analyse von Adobe umfasst Einzelhändler in über 50 Warengruppen, die von der Magento Commerce Cloud unterstützt werden, um einen genauen Überblick über das Online-Shopping in Europa zu erhalten. Die Adobe Experience Cloud verwaltet jährlich mehr als 200 Billionen Datentransaktionen."

Update 3 - …und wieder grüsst die Deutsche Warenhaus AG


2018-09-06 PIXABAY Fusionsgespraeche Kaufhof-Karstadt Deal closed

Quelle: pixabay.com - Abbildungen Public Domain bzw. gemeinfrei nach CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) -
Bearbeitung: Michael Borchardt


Köln/Essen/Toronto/Wien, 11.9.2018 - Wie mehrere Medien berichten, ist die Fusion von Karstadt und GALERIA Kaufhof jetzt endgültig vollzogen worden. Aktuell beschäftigt das neue Unternehmen Deutsche Warenhaus-Holding zusammengenommen 32.000 Mitarbeiter an 243 Standorten. Die Immobilien teilen sich die SIGNA und die kanadische HBC zur Hälfte - wobei das GALERIA Kaufhof-Haus in Köln sowie das Carsch-Haus in Düsseldorf zu 100 Prozent an René Benkos SIGNA gehen.

Neben Karstadt und GALERIA Kaufhof umfasst der Handelsriese künftig auch die niederländischen HBC-Kaufhäuser, die belgischen Galeria-Inno-Warenhäuser, Saks Off 5th, Karstadt Sports sowie die Lebensmittel- und Gastronomiesparten der beiden Ursprungsunternehmen. Dazu Karstadt.de, Kaufhof.de sowie weitere Online-Shops.

Zu den weiteren Konsequenzen der Fusion die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihrer Website:

Beide Seiten versprechen sich von ihrer ‚Fusion unter Gleichen‘ auch Einsparungen. In der Kaufhof-Belegschaft jedoch gibt es Ängste vor einem erheblichen Sttellenabbau. Details zu Sparplänen nannten HBC und Signa bislang nicht. Fachleute halten es allerdings für wahrscheinlich, dass sich Geld sparen lässt, indem einer der beiden Hauptsitze der bisher getrennten Ketten geschlossen wird. Zudem sind Filialschliessungen wahrscheinlich. Potential gibt es auch in der Logistik und beim Einkauf, denn die Fusion und die damit einhergehende Bündelung von Einkaufsmacht dürfte es Kaufhof und Karstadt ermöglichen, bessere Konditionen von den Lieferanten zu bekommen.

Laut Angaben der Lebensmittel-Zeitung und Bild am Sonntag ist René Benkos SIGNA-Holding bereit, 250 bis 300 Millionen Euro in die Sanierung der GALERIA Kaufhof-Sparte zu stecken - Sozialpläne eingeschlossen.

Vorab werden sich nicht zuletzt die deutschen Kartellbehörden intensiv mit der Fusion beschäftigen - Markt- und Einkaufsmacht der Deutsche Warenhaus-Holding sind künftig nicht zu unterschätzen.


Spannend und ergänzend hierzu der historische Überblick von Jerome Busch (FAZ) zum Verschwinden der deutschen Kaufhäuser.

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Köln/Essen, 6.9.2018 - Wie Michael Kläsgen auf Süddeutsche.de exklusiv berichtet, ist der Übernahmedeal der GALERIA Kaufhof AG durch Karstadt in trockenen Tüchern, die Banken überzeugt. Unterzeichnet werden soll der Deal in den nächsten Tagen - bis zum 15. September 2018.

Demzufolge werden die Geschäfte der beiden Warenhausriesen zu einem Joint Venture zusammengelegt; Signa Retail, Teil des Immobilienkonzerns René Benkos, wird die Mehrheit daran halten.

Der neue Warenhauskonzern wird dann nach dem spanischen Wettbewerber El Corte Inglés an zweiter Stelle in Europa rangieren. Allerdings werden solche Transaktionen ja nicht aus reiner Freude an Grösse geschlossen, sondern nicht zuletzt, um Kostenvorteile zu realisieren. Dazu wird auch im aktuellen Fall der Wegfall von rund einem Viertel der 20.000 Stellen bei der GALERIA Kaufhof führen - mutmasslich verbunden mit Lohnkürzungen bei den verbleibenden Mitarbeitern im Rahmen eines Sanierungstarifvertrags. Michael Kläsgen zufolge werden Sozialpläne erstellt werden - er erläutert zusammenfassend dazu:

„Wie die SZ aus Bankenkreisen erfuhr, soll Signa das gesamte Management des Gemeinschaftsunternehmens stellen. Geführt werden soll es vom derzeitigen Karstadt-Chef Stephan Fanderl, der auch Chef der Einzelhandelssparte von Signa ist, sowie von Karstadt-Finanzchef Miguel Müllenbach. Von HBC soll niemand am Management beteiligt sein. Deren Vertreter sollen im Aufsichtsrat sitzen. Das sei eine Forderung der Banken gewesen sein, hiess es. 

Faktisch übernimmt Signa 50,01 Prozent am Warenhausgeschäft des Joint Ventures. Zwei Immobilienpakete, eines mit 41 Häusern, ein anderes mit 18 Gebäuden, teilen sich beide jeweils zur Hälfte. Der Kredit, den das Bankenkonsortium vor drei Jahren den Kanadiern bewilligte, um den Kauf von 41 Kaufhof-Immobilien zu finanzieren, läuft weitere sieben Jahre. Das beschlossen die Vorstände der beteiligten Geldhäuser unter Führung der LBBW. 

Durch die Fusion entsteht der zweitgrößte Warenhauskonzern Europas nach dem spanischen Unternehmen El Corte Inglés. Er erwirtschaftet mit mehr als 30 000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa fünf Milliarden Euro, El Corte Inglés kommt auf mehr als das Doppelte.“

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Köln/Essen/Stuttgart, 27.8.2018 - „Die Fusion zwischen Kaufhof und Karstadt wackelt“ übertitelt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Online-Ausgabe den aktuellen Stand der Verhandlungen zwischen den Eigentümern der beiden Kaufhaus-Konzerne. Grund dafür sei „eine Art Ultimatum“, das die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) an die kanadische Hudson’s Bay Company (HBC), die Eigentümerin der GALERIA Kaufhof AG gestellt habe. Der Meldung zufolge bestehe die LBBW auf Einhaltung von nicht näher beschriebenen „Kreditbedingungen“ - bis Ende September.

Die Liquiditätslage des kanadischen Traditionsunternehmens ist jedoch bereits jetzt sehr angespannt - so könnte die LBBW mit ihrer Forderung den geplanten Zusammenschluss der beiden Kaufhausketten verhindern.

Allerdings zeigt sich vor diesem Hintergrund einmal mehr, dass es den Eigentümern in erster Linie um den Einfluss auf Handelsimmobilien in ersten Lagen geht und kaum um das traditionelle Warenhausgeschäft. Michael Kläsgen von der Süddeutschen Zeitung zitiert in seinem Beitrag aus einem Brief der LBBW an HBC vom 31. Juli, dass die Bank nun endlich auf die Einhaltung der 2015 getroffenen Kreditvereinbarungen per 30. September 2018 dränge, andernfalls den Kredit in Höhe von 1,34 Milliarden Euro fällig stellen könne.

Verbrämt werden sollte dieser gravierende Umstand durch die aktuelle Ferienzeit, in deren Folge sich massgebliche Bankmitarbeiter in Urlaub befänden usw. - die klassische PR-Salamitaktik. Sähe sich HBC definitiv mit den genannten Forderungen konfrontiert, müsste die geplante Fusion zwischen Karstadt, vertreten durch dessen österreichischen Investor René Benko und der GALERIA Kaufhof platzen.

Michael Kläsgen dazu:

„Doch bislang ist HBC den Forderungen nicht nachgekommen. Deswegen lässt die sogenannte Deutsche Warenhaus AG, bestehend aus 34 000 Mitarbeitern und fast 200 Kaufhäusern, weiter auf sich warten. Sie wäre nach El Corte Ingles aus Spanien der zweitgrößte Warenhauskonzern Europas - zusammengezimmert aus der Not heraus, weil Kaufhof und Karstadt seit Jahren vor allem gegenüber dem Onlinehandel an Umsatz verlieren. 

Das Warenhausgeschäft wäre bei der Fusion allerdings so gut wie nichts wert. Eigentlich geht es bei der Fusion fast nur um Immobilien. Als HBC vor knapp drei Jahren Kaufhof erwarb, finanzierte ein Konsortium rund um die LBBW den Kauf von 41 der insgesamt 96 Kaufhof-Gebäude mit dem besagten Darlehen in Höhe von 1,34 Milliarden Euro. Zweimal im Jahr prüft das Konsortium, ob HBC die in dem Kreditvertrag gemachten Zusagen einhält.

HBC ist nicht zuletzt in diese Klemme im Deutschland-/Europa-Geschäft geraten, weil die GALERIA Kaufhof-Filialen von Jahr zu Jahr höhere Verluste schreiben - und sie sind im Gesamtkonstrukt die Mieter der jeweiligen Kaufhaus-Filialen. Der Return on Investment verschiebt sich demzufolge für HBC weiter nach hinten - auf unbestimmte Zeit. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einem zum 31. Januar 2018 aufgelaufenen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 86 Millionen Euro. Hier müssten jedoch längst positive Vorzeichen zu vermerken sein, damit das vertragliche Konstrukt aufgehen könnte.

Neben der LBBW dürften weitere Banken von HBC und der GALERIA Kaufhof auf den Plan treten, um ihre Forderungen geltend zu machen - das schaut kritisch aus.

So lässt sich GALERIA Kaufhof bereits von der internationalen Insolvenzverwaltung White & Case beraten, um nicht in juristische Strudel zu geraten. White & Case beschäftigt Anwälte, die mit Hertie bereits Erfahrung in der Beratung von Warenhäusern haben und deren aktuelles Geschäftsmodell sehr gut verstehen.

Die Süddeutsche ergänzend:

„Geschäftsführer stehen nach deutschem Recht auch gegenüber den Gläubigern, also unter anderem den Banken, in der Verantwortung. Eine Verletzung der Treuepflicht kann dann möglicherweise einen Straftatbestand darstellen, der entsprechend geahndet werden könnte. Es liegt daher auf der Hand, dass sich die Kaufhof- Geschäftsführung rechtlich absichern will.“

Den Fokus auf Österreich gerichtet bedeutet die aktuelle Gemengelage, dass René Benko v.a. eine Insolvenz der GALERIA Kaufhof fürchten müsste, da er in diesem Fall mutmasslich nicht mehr wie geplant das gesamte Unternehmen übernehmen könnte, sondern sich gegebenenfalls in Bieterverfahren für Teile des Konzerns engagieren müsste. Und das ist sehr unwahrscheinlich.

Und die Mitarbeiter sitzen weiter auf heissen Kohlen.

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Köln/Essen, 5.7.2018 - Jetzt wird es also ernst. Die Verhandlungen zwischen René Benko von der österreichischen Signa-Holding und Kaufhof-Eigentümer HBC Hudson’s Bay Company sind in eine entscheidende Phase getreten. 

Wie neben anderen Michael Kläsgen auf Süddeutsche.de berichtet, unterzeichneten beide Seiten am Dienstag ein sog. „Wrapper Agreement“, „die Ummantelung eines 200 Seiten umfassenden Vertragswerks.“ Die neue „Europäische Warenhaus AG“ mit dann rund 37.000 Beschäftigten wird neben den Karstadt- und den GALERIA Kaufhof-Häusern auch Warenhäuser von HBC in Belgien und den Niederlanden umfassen.

Als CEO ist Stephan Fanderl vorgesehen, der Vorstandschef von Karstadt und Signa Retail (Einzelhandelssparte der Signa Holding). Von Kaufhof-Seite wird dann Bernd Beetz dazu stossen - als Aufsichtsratsschef. Erst im Mai 2018 wurde er in den Aufsichtsrat der GALERIA Kaufhof GmbH berufen.

Die andauernde „Due Dilligence-Prüfung“, also die Durchsicht der Bücher der GALERIA Kaufhof GmbH, soll demzufolge bis Ende Juli abgeschlossen sein - spätestens aber im Laufe von vier bis sechs Wochen.

Zu den Details der Übernahme Michael Kläsgen in seinem Artikel „Karstadt steht kurz vor der Übernahme von Galeria Kaufhof“ vom 5.7.2018:

Die Vereinbarung sieht vor, dass Signa für etwa 100 Millionen Euro 51 Prozent des Warenhausgeschäfts von Kaufhof übernimmt, und zwar ohne Bankschulden. Diese sollen in einer Höhe von etwa 200 Millionen Euro aus steuerlichen Gründen von HBC abgedeckt werden. Für eine Summe zwischen 700 und 800 Millionen Euro beteiligt sich Signa darüber hinaus an der Immobilienfirma HBS Global Properties von HBC, der 41 Kaufhof-Immobilien in Deutschland gehören. Handelsimmobilien vor allem in Innenstadtlage sind derzeit extrem begehrt.

Befürchtungen, dass nach der Übernahme durch Karstadt eine zweistellige Zahl von Kaufhaus-Filialen in Deutschland geschlossen werden soll, werden aktuell noch dementiert. Allerdings könnten „drei bis fünf defizitäre Filialen“ ein letztes Mal zusperren.

Überkompensiert werden könnte diese Entwicklung durch die Neueröffnung von (Karstadt-)Filialen - aktuell betreibt René Benkos Signa-Holding 82 davon - dem stehen 96 GALERIA Kaufhof-Häuser entgegen.

Natürlich führte eine für den neuen Konzern sinnvolle Konzentration - bei Verwaltung, IT, und natürlich dem Einkauf - zu enormen Kosteneinsparungen.

Hersteller müssten sich „warm anziehen“ - und wie das Bundeskartellamt dazu urteilen wird, werden wir auch noch sehen müssen.

Was allerdings die Beschäftigten der jetzigen Konzerne angeht - so schnell dürften selbst gewollte Standortschliessungen nicht über die Bühne gehen - laufende Mietverträge helfen hier, ein Debakel zu vermeiden.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist also sicherlich noch nicht alles wirklich gut - aber die Richtung stimmt. Karstadt könnte auch im neuen Konzern wieder für Profitabilität sorgen - weil sie verstanden haben, wie der deutsche Einzelhandel tickt.


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