Paperworld in Frankfurt - viel Schatten, wenig Licht


Fairshop PAPERWORLD 2017 Frankfurt am Main

Paperworld 2017 - Fair Shop im Durchgang von Halle 4


Frankfurt am Main, 1.2.2017 - Gute Zeiten, schlechte Zeiten - nicht nur im Privatfernsehen ein Dauerthema; auch so manche Konsumgütermesse hat in diesen Tagen damit zu kämpfen, dass die guten Zeiten häufig nur noch in der Erinnerung der Aussteller und Besucher stattfinden. Das gilt leider auch für die Paperworld.

Entwicklungen in der PBS-Branche - Marktsituation

Was ist passiert? Nun, ein jahrelang schleichender Erosionsprozess der PBS-Branche (Papier, Büro & Schreibwaren) mit der Auszehrung der klassischen Fachhandelsgeschäfte und deren Standortdichte auf der einen Seite, der Einstieg ursprünglich branchenfremder Handelsformen wie Discounter, Drogeriemärkte oder Supermärkte in den PBS-Markt und auch hier ein kontinuierlich wachsender Online-Anteil - dazu grosse Cash & Carry- und Büromärkte an den städtischen Ausfallstrassen oder auf der grünen Wiese - um nur ein paar wenige Aspekte aufzuführen.

Aktuell stehen also die Zeichen der Branche auf Konsolidierung: inhabergeführte Geschäfte finden häufig keine Nachfolger mehr, Handelsverbände und -Genossenschaften kooperieren oder fusionieren gleich, der Verdrängungswettbewerb auch im Geschäft mit Geschäftskunden (B2B) wird mit harten Bandagen ausgefochten - das heisst: über den Preis mit den bekannten negativen Folgen für die Marge und damit die Investitions- und Innovationsfähigkeit.

Die Wiesbadener Fachzeitschrift „BusinessPartner PBS. Die Zeitschrift für Handel und Industrie“ lässt in ihrer aktuellen Ausgabe 1/2017 Brancheninsider zu Wort kommen und fragt deren Erwartungen für 2017 ab - rosa oder himmelblau sehen anders aus. Ungeschminkt äussern sich die Experten zu ihren Zukunftserwartungen und viele schätzen die Entwicklungen im laufenden Jahr als schwierig oder ungewiss ein.

Amazon Business seit Dezember auch für deutsche Kunden

Zudem: mit Amazon Business betritt gerade ein neuer potenter Spieler den Markt und versucht seine Erfolge aus dem Consumer-Geschäft nun auch auf die Geschäftskunden zu übertragen. Seit Dezember 2016 werden die Services in Deutschland angeboten. Hier einige Highlights aus dem Angebotskatalog (nach BusinessPartner PBS, 1/2017, S24ff.)

  • spezielle Business-Preise und Angebote mit Mengenrabatten
  • Bestellungen über 29 Euro werden versandkostenfrei geliefert
  • Rechnungszahlung auf 30-Tage-Frist, Lastschrift oder Kreditkartenzahlung
  • Website weist Netto-Preise aus; Rechnungen mit gesondertem Umsatzsteuerausweis
  • Einrichten von Mehrfach-Nutzerkonten ist möglich, ebenfalls die Definition von Gruppen, die „Zahlungsmethoden und Versandadressen gemeinsam einsehen können“ (ebenda, Seite 25)
  • Hinzufügen von beliebigen internen Auftrags- oder Belegnummern der Geschäftskunden ist möglich
  • Zahlungslimits und Genehmigungsprozesse sind kundenindividuell definierbar
  • individuelle Reports zur Übersicht der Einkäufe

Dazu kommt eine Reihe von Logistikdienstleistungen, die es Geschäftskunden ermöglicht, Amazon-Strukturen für die direkte Belieferung der eigenen Kunden zu nutzen:

  •  Fulfillment by Amazon (FBA), das heisst, die bei Amazon gelagerten Grosshändlerprodukte werden direkt bei Bestelleingang an deren Kunden konfektioniert und versendet - bislang eher ein Angebot der Händlerkooperationen oder des Grosshandels.
  • Der Amazon-Business-Kunde verbessert hierdurch gleichzeitig sein Ranking im „Einkaufswagen-Feld“ und wird somit besser bei der Produktrecherche wahrgenommen.

Zweifellos dürfte dieses Angebot auch den (europaweiten) PBS-Grosshandel und dessen Struktur tangieren, denn das Amazon Business-Angebot wirkt bei allen Kinderkrankheiten schon ziemlich rund und dürfte ziemlich schnell noch runder laufen.

Investoren übernehmen Grosshändler

Aber zwischendrin ruckelt es ja auch häufig nahezu unbemerkt in der PBS-Branche: der amerikanische Büroartikel-Grosshändler Office Depot verkaufte seine Europa-Aktivitäten per 23. September 2016 an die Investment-Gesellschaft Aurelius Rho Invest DS GmbH; der Wettbewerber Staples vollzieht diesen Schritt im Laufe des ersten Quartals 2017 - Käufer von 85% der Anteile am künftig selbständigen Europageschäft des Konzerns (mit Ausnahme jenes in Grossbritannien) ist der Hedge-Fonds Cerberus Capital Management.

Grosse Häuser in unruhigen Gewässern

Bereits per 1. Juni 2015 ging das renommierte Kölner PBS-Haus Ortloff von Staples an die Händlergenossenschaft Soennecken über; kurze Zeit später versuchte Soennecken, auch das Münchner Traditionshaus Kaut-Bullinger zu übernehmen; die Gespräche scheiterten jedoch im Mai 2016. Bei Kaut-Bullinger gab es daraufhin tiefgreifende personelle Veränderungen; die Geschäftsführerposition der Kaut-Bullinger Einzelhandels GmbH wird nach dem Ausscheiden der bisherigen Geschäftsführerin Christin Lüdemann nicht mehr neu besetzt. 

Und das Hamburger PBS-Traditionsunternehmen Schacht & Westerich hat sich nach seiner Insolvenz im August 2015 wohl immer noch nicht so recht „gesundgeschrumpft.

Und mittendrin die Paperworld 2017

Jetzt kann man sicherlich nicht behaupten, dass die Planung der diesjährigen Paperworld lustlos gewesen sei. Vielmehr hat sich die Frankfurter Messe unter der Verantwortung von Michael Reichhold, der seit 2001 für die Paperworld zuständig ist, durchaus kräftig ins Zeug gelegt.

Ein attraktives Rahmenprogramm zur Messe, gut gestaltete Hallenaufteilung, die Verquickung mehrerer Fachmessen wie Paperworld, Creativeworld, Christmasworld sowie erstmals der Floradecora (Schnitt- und Kunstblumen) sollten erst einmal einen gelungenen Messebesuch verheissen.

Hallenbelegung

Beim ersten Besuch der Paperworld fallen zuerst die neu genutzten Ebenen 1.1 und 1.2 auf, die dem „International Sourcing“, also dem Einkauf für die Grossfläche oder dem Streckengeschäft gewidmet sind. Hier dominieren chinesische, indische oder Aussteller aus Hongkong das Geschehen - viele Produkte kommen uns von ihrem Design her sehr bekannt und vertraut vor. Zoll und Staatsanwaltschaft dürften hier zum Messebeginn einen arbeitsintensiven Rundgang erlebt haben.

Dieses Ausstellungsgeschehen zieht sich in die grosse Halle 3.0 weiter - allerdings haben hier auch viele europäische Hersteller ihre Stände, die nicht gerade mit dem Verkauf von Plagiaten ihre Umsätze machen, sondern ihrerseits auch häufig Opfer von Produktpiraten werden.

Die Halle 4 ist der Creativeworld gewidmet - in den angrenzenden Hallen 5.1, 6.0 und 6.1 wird es dann zunehmend „designorientierter“ - Highlight hier ist sicherlich die Halle 6.1.

Sonderschauen

Die zahlreichen eingestreuten Sonderschauen oder Vortragsveranstaltungen hinterlassen einen durchwachsenen Eindruck: während die von Angelika Niestrath am Eingang zur Halle 5.1 konzipierte Sonderschau „Mr. Books & Mrs. Paper“ sehr „handfeste“, leicht für die Papeterie-Präsentation im Buchhandel adaptierbare Themenvorschläge zeigte, gab sich die deutlich grössere Trendshow „Office + Stationary Trends 17/18“, gestaltet von den Frankfurter „Dauerläufern“ stilbüro bora.herke.palmisano, erstaunlich uninspiriert.

Zum gefühlten hundertsten Mal wurden im Bereich „stationary“ unter den Überschriften „curious funfair“ und „solid grade“ sowie im Bürobereich unter „suitable solutions“ thematische Setzungen vorgenommen, denen inhaltliche Zuschreibungen und farbliche Akzentuierungen zugeordnet, um nicht zu sagen: übergestülpt wurden. Von expressiven Farben der „curious funfair“ über naturbetonte bei „solid grade“ sowie Abschattierungen des Black & White-Spektrums mit feinen Einsprengseln von Lachs und einem sanftem Gelb bei den Office-Lösungen. Grundtenor zahlreicher Besucher: Interessant. Inspiration mag fortschrittlicher aussehen. Paris zeigt auf den Messen der Maison & Objet, wie Sonderschauen und Trend Shows inszeniert werden können - und die Besucher inspirieren.

Ähnlich unentschlossen die Office-Sonderschau „Zutaten für die Zukunft“, entworfen von André Schmidt aus Berlin, André Schmidt MATTER - Büro für Architektur und Städtebau und World Architects. Spannende Teilkonzepte, die das Arbeiten der Zukunft aufzeigen sollen, bleiben in ihrer Strahlkraft blass - auch die typographisch gut gestaltete Broschüre zur Ausstellung kann diesen Mangel inhaltlich nur bedingt ausgleichen. Allerdings: spannende und zum Teil auch sehr unterhaltsame Vorträge zahlreicher Architekten und Planer - hier und da mit stark soziologischen Schwerpunktsetzungen - vermögen neue Einblicke in die Zukunft des Büros und der Arbeit zu vermitteln und zum Nachdenken anzuregen.

Und wer die Zeit dazu fand: im Frankfurter Museum Angewandte Kunst (MAK) lief bis zum Messesonntag eine Ausstellung zum Thema: „Thinking Tools. Design als Prozess: Wie Schreibgeräte entstehen“ am Beispiel des Heidelberger Herstellers LAMY (der leider selbst nicht auf der Paperworld vertreten war).

Fazit

Was bleibt? Nachdenklichkeit über die Entwicklung einer Branche, die in unserer Wahrnehmung immer mehr an den Rand gedrängt und deren Produkte von Verbraucherseite zunehmend als schlichte „Infrastruktur“ für’s tägliche Organisieren und Mitteilen wahrgenommen werden und so ihre Eigenständigkeit als materielle Schöpfungen einer analogen Welt sukzessive verlieren. Und der Sprung hin zur Verbindung von dieser zur digitalen Welt, wie ihn auf der Messe in der Halle 6.1 beispielsweise der Mailänder Aussteller Moleskine zeigt, muss erst noch gelingen und in den Köpfen von Händlern und Verbrauchern ankommen.


Offizieller Schlussbericht der Messe Frankfurt vom 31. Januar 2017

Fotostrecke Paperworld 2017 und LAMY-Ausstellung im Frankfurter MAK

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